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Zuwendung zum Nächsten

Impulse von Malgorzata Grzywacz

 

Malgorzata Grzywacz
Geburtsort / Lebensort: Szczecinek (Neustettin) / Poznań (Posen), Polen 
Institution: Adam-Mickiewicz Universität Poznań, Institut für Kulturwissenschaften

Arbeitsschwerpunkte:

  • Kulturgeschichte als Forschungsdisziplin, Spezialgebiet Religion als Bestandteil der Kultur
  • Geschichte und Gegenwart des Protestantismus in Europa und transkaukasischen Ländern
  • Frauen und Reformation
  • Juden im deutschsprachigen Raum
  • Edith Stein - Leben und Werk

Sonstige biografische Stichpunkte:

Mitglied der Synode der evangelisch-augsburgischen Kirche in Polen.


Ein kleiner Impuls zum Thema: Der/die Andere(en) - und die Ressourcen des Reformatorischen

In der politischen und sozialen Realität vieler Länder der EU erscheint seit einiger Zeit die Figur des "Anderen" nicht mehr als ein Potenzial der Philosophie des Dialogs (Buber, Levinas) sondern als konkreter Mensch, meistens  in Gestalt eines/einer Geflüchteten. Diese Situation reißt uns aus der egozentrischen Autarkie heraus und stellt uns vor Dimensionen der Solidarität, die sich kaum prognostizieren lassen. Das Leben des Menschen ist, philosophisch gesehen, ein Drama - in dem die axiologische Komponente eine der wichtigsten Stützen des Einzelmenschen und des Gemeinwesens darstellt. In meinen wissenschaftlichen, gewerkschaftlichen und kirchlichen Aktivitäten habe ich mich durch die Ethik der Solidarität  leiten lassen, so wie sie von Józef Tischner (1931-2000), einem polnischen Phänomenologen gedacht, gehofft und praktiziert  wurde. Die Selbstwerthaftigkeit des Einzelnen und Fremden erfahren wir nur durch und in der Begegnung. Und diese evoziert ein Frage- Antwort-Verhältnis: "Der andere Mensch [ist] in mir bzw. bei mir durch seinen Anspruch, den er mir gegenüber erhebt [...]. Der Fragende erhebt den Anspruch auf eine Antwort. Die erste Antwort darauf ist in mir das Bewusstsein der Verpflichtung, eine Antwort geben zu müssen. Und gerade darin ist mir bereits die Gegenwart des Anderen gegeben".

(J. Tischner, Das menschliche Drama, München 1989, S. 29.) Evangelische Christenheit war und ist in ihren Grundtendenzen seit der Reformation von der Freiheit des Christenmenschen geprägt. Die Wechselbeziehung zwischen der Freiheit des Christlichen, der Verpflichtung dem Anderen gegenüber und seinem Anspruch ist die Herausforderung unserer Zeit.

Für die nahe Zukunft stelle ich mir sehr konkrete Fragen: welche  Probleme des Anderen kann ich als Verpflichtung verstehen und diese aus dem Christlichen heraus aktiv beantworten und welche nicht?