Thementisch Freiheit

Was bedeutet christliche Freiheit heute?

Impulse von Michaela Kušnieriková und Cornelia Schlarb

 

Michaela Kušnieriková
Geburtsort / Lebensort:
Martin, Slowakei
Institution: unterrichtet an der Evangelischen Theologischen Fakultät der Karls-Universität, Prag

Arbeitsschwerpunkte:

  • Theologie der Kirche, des christlichen Handelns, der menschlichen Identität;
  • politische Theologie;
  • das Werk von Bonhoeffer, Arendt, Stanilaoe

Sonstige biografische Stichpunkte:

Studierte Theologie in Bratislava, Slowakei; Gettysburg, USA und Prag, Tschechien, ThD.

Nach Luthers berühmtem Traktat „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, ist ein Mensch, der mit Christus im Glauben geeinigt wird, frei vor allen und ein Knecht von allen. Christen sind frei von sich selbst nicht im Sinne von Selbstzerstörung, sondern frei von Egoismus. Gerade deshalb sind sie Knechte von anderen – sie sind frei, andere Menschen zu lieben, für andere da zu sein.

Es ist möglich, sich frei zu fühlen. Diese innere Freiheit ist für viele Menschen, die unter unfreien politischen Systemen leben, zu einer Form des Überlebens geworden. Aber unser Christ-Sein wird vor allem in unserem Handeln sichtbar und greifbar gemacht. Dass kann auch unter freien politischen Verhältnissen schwierig sein, weil da viele Situationen sehr kompliziert und unsicher erscheinen.

Gerade unter diesen Umständen kann die Christliche Freiheit in den Vordergrund treten. Weil Christen von der Absicht, eine perfekte Lösung zu finden oder eine perfekte Entscheidung zu treffen befreit sind. Denn sie brauchen sich nicht um ihren Ruf, ihre Heiligkeit oder die Reinheit ihres eigenen Gewissens zu sorgen. Sie sind frei, sich gültig zu machen und sogar, für schwach und naiv gehalten zu werden. Deshalb sind sie frei für das Handeln anstatt zu zögern, wie es Bonhoeffer ausgesprochen hat: „Allein in der Tat ist die Freiheit.“

Also, während Christen für andere handeln, sind sie von den Meinungen, die Leute über sie haben können, und auch von ihren eigenen Urteilen über sich selbst befreit. Aber zugleich sind sie in ihrem Handeln nicht nur an die Bedürfnisse und Schwächen der anderen, sondern auch an ihre Perspektiven und Fähigkeiten gebunden. Frei für andere da zu sein, heißt nicht, die anderen paternalistisch zu behandeln, sondern sie wahrzunehmen als Mitgestalter unserer gemeinsamen Welt.


Cornelia Schlarb
Geburtsort / Lebensort: Hanau am Main / Ebsdorfergrund - Rauischholzhausen, Deutschland
Institution: Konvent Evangelischer Theologinnen in der Bundesrepublik Deutschland

Arbeitsschwerpunkte:

  • Geschichte und Kirchengeschichte Südosteuropa;
  • frauengeschichtliche Themen: Frauen in der Reformationszeit, Geschichte der Ordination von Frauen.

Sonstige biografische Stichpunkte:

Studierte Theologie in Marburg und Heidelberg, Promotion im Fachgebiet Kirchengeschichte; 2004-2016 Vorstandsarbeit im Konvent Evangelischer Theologinnen in der Bundesrepublik Deutschland; 2007 Theologische Referentin bei der Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland in Frankfurt am Main; seit 2009 Koordinatorin des Masterstudiengangs „Intercultural Theology“ an der Georg-August-Universität in Göttingen.


Freiheit – was bedeutet christliche Freiheit heute

Freiheit – christliche Freiheit – Freiheit, die auf dem Evangelium gründet und dem Evangelium entspricht, ist für mich Freiheit, die mit Gerechtigkeit Hand in Hand geht.

Worauf gründet christliche Freiheit, welche biblische Schrift ist maßgeblich, wenn es um Freiheit geht? Mit Martin Luther und den anderen Reformatorinnen und Reformatoren befrage ich den Galaterbrief als die „Freiheitsschrift“ im Neuen Testament.

Gal. 5,1

Luther 1984: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

Bibel in gerechter Sprache: Zur Freiheit hat uns der Messias befreit, steht also aufrecht und lasst euch nicht wieder unter das Joch der Sklaverei fangen.

Im Galaterbrief betont Paulus, dass mit Jesus Christus Neues in Gang gesetzt ist, das sich nicht an gängigen Herrschafts- und Hierarchienormen (jüdisch-nichtjüdisch, versklavt-frei, männlich-weiblich Gal. 3,28) orientiert. Christinnen und Christen definieren sich nicht hierarchisch, sondern durch „die göttliche Zuwendung und die Treue des Messias bzw. das Vertrauen auf ihn“... Sie sind Teil einer neuen „Welt-Ordnung des Miteinanders und Füreinanders“1 , die Menschen, Tiere und die gesamte Schöpfung mit einschließt. Darum gilt es, im Vertrauen auf Gottes Zuwendung, Nächstenliebe und den aufrechten Gang einüben.

Der Galaterbrief ist ein Pädoyer für die Freiheit des Individuums vor Gott, für Gewissensfreitheit und Freiheit zum Tun des Gerechten.

Luthers Freiheitsschrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“2 1520 , geschrieben als Reaktion auf die päpstliche Bannbulle, die ihn zum vogelfreien Menschen erklärte, ist auch eine Frucht der Auseinandersetzung mit dem Galaterbrief. Insbesondere Luthers Freiheitsschrift inspirierte Männer wie Frauen, von ihrer christlichen Freiheit auch Gebrauch zu machen und sie in Taten umzusetzen – am Ende mehr, als es Luther lieb war. Im Kontext des so genannten Bauernkrieges, in dem es um mehr Gerechtigkeit auf Erden ging, schlug sich Luther allerdings auf die Seite der Obrigkeit. Zwar hat Luther auch die Fürsten und den Adel ermahnt, aber als Kind seiner Zeit blieb er den damaligen Ordnungsverhältnissen und dem Weltbild verhaftet, er blieb ein Stück weit gefangen in seiner Zeit.

Freiheit wovon?

Frei sein vom „incurvatus in se ipsum“ – vom Gefangensein in sich selbst

Frei sein von der Angst, Gott und dem Leben nicht zu genügen, frei sein von der Angst zu klein, zu gering, zu wenig Kraft zu haben

Frei sein vom kollektiven Gefangensein – Dorothee Sölle schreibt in Mystik und Widerstand3: Wir sind eingeschlafen in unserem Gefängnis, das Gefängnis der so genannten Ersten Welt sind Globalisierung und Individualisierung. Mit Globalisierung meint Sölle die globalen Verstrickungsverhältnisse und die „Religion des Konsumismus“4, die ein immer schneller, immer mehr und immer gleich sofort verlangt, was auf Kosten der gesamten Schöpfung geht

Frei sein von unterdrückenden, knechtenden Traditionen, Bindungen und Beziehungen

Frei sein von religiös begründeter Unterordnung als Frau

Frei sein vom Erfolgszwang, vom Zwang zur Konformität, von „Herrschafts-Hörigkeit“5

Freiheit wozu?

Frei sein zum Wandel im Geist (Gal. 5, 16ff), zur Liebe untereinander (Gal. 5, 13ff)

Frei sein zum Leben in und mit der Geistkraft Gottes, zu selbstbestimmtem Leben und Glauben (Mitgestaltung christlicher Theologie, kontextuelle Bibelauslegung und Spiritualität)

Frei sein zum Handeln und Träumen, zum Festhalten an der Vision eines gemeinsamen guten Lebens für alle

Frei sein zur Brüchigkeit und Bruchstückhaftigkeit des Lebens, zu individuellen und kollektiven Grenzen angesichts der Endlichkeit von Leben und Schöpfung

Frei sein zum aufrechten Gang, zur Gewissensentscheidung bis hin zu zivilem Ungehorsam (Drittes Reich, Ostermärsche, Sitzblockaden etc.)

Frei sein zum Tun des Gerechten (Gendergerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit, gerechte Teilhabe an der Fülle des Lebens)

Frei sein zur ecclesia reformata semper reformanda (Kritik an kirchlichen Strukturen ist nicht nur legitim, sondern notwendig)

Wie gehe ich mit meiner Freiheit um?

Wo endet meine individuelle Freiheit – die entscheidende Frage ist:

was dient dem Leben: meinem Leben, dem Leben meiner Nächsten, der Schöpfung

was hilft, Leben zu entfalten 

was hilft, dass alle Menschen ihre Potentiale entfalten und einbringen können

was dient der neuen Welt-Ordnung des Miteinanders und Füreinanders (Flüchtlinge, Schöpfung)“

 

1 Brigitte Kahl, Brief an die Gemeinden in Galatien, in: Bibel in gerechter Sprache, S. 2148.

2 Zentraler Satz aus der Freiheitsschrift: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ http://www.luther2017.de/en/martin-luther/texte-quellen/on-the-freedom-of-a-christian/ Aufruf 12.3.2016

3 Dorothee Sölle: Mystik und Widerstand «Du stilles Geschrei», Hamburg 19995, 241ff.

4 Sölle, S. 242.

5 Gal 5,17 „Denn der herrschaftshörige Impuls begehrt gegen die Geistkraft auf; die Geistkraft aber gegen die Herrschafts-Hörigkeit: Diese beiden sind das wirkliche Gegensatzpaar, und deswegen tut ihr nicht, was ihr eigentlich tun wollt.“ (nach der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache).